Einleitung

Die Gedankenprojektionsfläche ist eine stabile Darstellungsstruktur innerhalb deines Selbstmodells, auf der Gedanken, Worte, Bilder, Objekte und ganze Simulationen erscheinen können. Sie ist kein anatomischer Ort im Gehirn, sondern ein mentales Werkzeug deiner Innenwelt. 

Als Schnittstelle kann sie Teile deiner inneren Verarbeitung für dein bewusstes Ich erfahrbar und zugänglich machen. Dadurch eröffnet sie die Möglichkeit, tiefere innere Zustände nicht nur wahrzunehmen, sondern gezielt zu beobachten und zu erkunden.

2D Projektionsfläche

Eine 2D Fläche in  der Totalansicht

Die Gedankenprojektionsfläche ist eine klar begrenzte, leicht selbstleuchtende 2D-Fläche mit abgerundeten Ecken und einem hierarchischen Raster aus stärkeren und feineren Linien.

2D Fläche Schwebend

Erschaffe deine Realität

Wir betreten nun einen Bereich, der in seinen ersten Schritten noch an meditative Techniken wie Yoga Nidra erinnern kann. Doch schon bald verlassen wir diese bekannten Strukturen und beginnen mit Werkzeugen zu arbeiten, die innerhalb dieses Projekts aus der systematischen Erkundung der eigenen Innenwelt entstanden sind. Ab diesem Punkt gibt es nur noch wenige direkte Schnittstellen zu traditionellen Meditationstechniken. Du betrittst damit einen explorativen Bereich, für den es kaum etablierte Vorlagen gibt.

Die 2D Gedankenprojektionsfläche ist eine zweidimensionale Struktur, die innerhalb deiner Innenwelt aufgebaut und stabilisiert werden kann. Anders als in der vorherigen Übung musst du dafür nicht zuerst einen vollständigen inneren Raum mental erfassen. Die Fläche kann zunächst für sich allein stehen und zu einer eigenständigen, stabilen Struktur deiner Innenwelt werden.

Wenn du dir die Abbildungen anschaust, wirst du auf der Fläche ein feines Raster aus stärkeren und dünneren Linien erkennen. Diese geometrischen Strukturen gehören zu der Form, in der sich die Gedankenprojektionsfläche in meiner eigenen Innenwelt entwickelt hat. Ob sie bei dir genauso erscheinen, ist jedoch nicht entscheidend. Deine Innenwelt muss diese Struktur weder exakt übernehmen noch eins zu eins nachbilden.

Die Bilder dienen deshalb vor allem als Vorlage und Orientierung. Du kannst versuchen, die dargestellte Fläche zunächst möglichst genau nachzubilden, sie aber ebenso an die Möglichkeiten deiner eigenen Vorstellung anzupassen. Entscheidend ist nicht die perfekte Kopie, sondern dass eine stabile Fläche entsteht, mit der dein eigenes Selbstmodell später arbeiten kann.

 

Genaue Beschreibung

Schematische Erklärung zur Gedankenprojektionsfläche

Details und Beschreibung der Gedankenprojektionsfläche

Die Grundform der Gedankenprojektionsfläche ist eine quadratische oder annähernd quadratische Fläche, die frei innerhalb deiner Innenwelt platziert werden kann. Sie bildet einen klar begrenzten inneren Bereich, auf dem in späteren Kapiteln unterschiedliche Wahrnehmungs- und Beobachterpositionen aufgebaut werden können.

In diesem Kapitel geht es zunächst nur um einen ersten Schritt:
die Gedankenprojektionsfläche in deiner eigenen Innenwelt zu erzeugen, zu stabilisieren und mit ihrer Struktur vertraut zu werden.

Wenn du dafür einen inneren Raum erschaffst, kann die Gedankenprojektionsfläche an sehr unterschiedlichen Positionen erscheinen. Sie kann nah oder weiter entfernt sein, klein oder groß wirken und sowohl horizontal als auch leicht geneigt im Raum liegen. Entscheidend ist nicht ihre genaue Lage, sondern nur, dass sie sich innerhalb deines wahrgenommenen Raumes befindet und nicht hinter dem Horizont liegt.

Stell dir die Fläche dabei nicht als etwas vor, das du aktiv halten oder tragen musst. Sie befindet sich frei im Raum und verharrt dort aus eigener Stabilität. Du darfst selbst entscheiden, in welcher Entfernung, Größe oder Neigung sie sich für dich am natürlichsten und ruhigsten anfühlt.

Die Gedankenprojektionsfläche bildet zunächst eine in sich geschlossene Struktur. Du kannst sie dir – als einfache Metapher – ähnlich wie einen Planeten im freien Raum vorstellen: Sie existiert für sich und ist nicht darauf angewiesen, mit anderen inneren Strukturen verbunden zu sein. In dieser ersten Übung bleibt die Umgebung deshalb bewusst möglichst leer.

Außer der Gedankenprojektionsfläche gibt es nur den Raum, in dem sie erscheint. Keine zusätzlichen Objekte, keine weiteren Konstruktionen und keine Strukturen, die von ihr ablenken.

Wenn die Fläche vor dir stabiler wird, richte deine Aufmerksamkeit nur auf zwei Dinge: auf den Raum selbst und auf die ruhige Präsenz der Gedankenprojektionsfläche darin.

 

Übung 1- 2D Struktur

Zug mit Gedanken fährt im Bahnhof ein

Erinnere dich an die Übung aus Modul 1 und lass deine Gedanken ziehen.

Beschreibung der Übung zur Gedankenprojektionsfläche

Übung, eine 2D Struktur entstehen lassen.

Beginne mit dieser Übung zu einem Zeitpunkt, an dem du wach, ausgeruht und innerlich ruhig bist. Besonders geeignet ist ein Moment nach dem Ausschlafen, aber auch ein stiller Abend funktioniert gut, solange du nicht müde wirst. Suche dir eine angenehme Position, in der dein Körper für einige Zeit ruhig bleiben kann. Du kannst die Übung direkt im Bett durchführen, auf deiner Meditationsmatte oder auch an deinem Schreibtisch. Schließe die Augen und gib dir zunächst einige Minuten, einfach nur anzukommen.

Gedanken werden weiterhin auftauchen, und das ist vollkommen in Ordnung. Versuche nicht, sie anzuhalten oder deinen Kopf künstlich leer zu machen. Lass sie kommen und wieder weiterziehen, ohne jeden Gedanken bewusst aufzugreifen, zu bewerten oder fortzuführen. Wenn du bemerkst, dass du einem Gedanken gefolgt bist, lass ihn einfach wieder los und kehre zur ruhigen Wahrnehmung deiner Innenwelt zurück.

Erinnere dich an die Übung aus Modul 1 mit dem Gedankenbahnhof. Du hast dort bereits gelernt, wie du Gedanken vergehen lassen kannst, die Bewertungen stoppst und diese Gedanken einfach weiterziehen lässt. Den Link findest du unter dem Bild mit dem Zug.

Nach einiger Zeit kann sich zwischen den Gedanken etwas mehr Ruhe und Offenheit entwickeln. Wenn du die Ruhe in dir spürst, lass ganz sanft eine dünne horizontale Linie vor dir erscheinen. Sie muss weder perfekt gerade noch besonders deutlich sein. Betrachte sie lediglich als eine einfache Orientierung innerhalb deiner Innenwelt.

Lass diese Linie langsam weiter von dir weg gleiten. Sie darf kleiner und feiner werden, bis sie schließlich weit entfernt wirkt und so vollständig in der Tiefe verschwindet. Erzwinge dabei kein besonderes Raumgefühl. Nimm lediglich wahr, ob sich vor dir etwas wie Entfernung, Weite oder ein leerer innerer Bereich entwickelt. Bleibe für einen kurzen Moment nur in diesem Raum deiner Innenwelt und gib deiner Innenwelt anschließend einen einfachen Impuls: Lass irgendwo vor dir eine Fläche entstehen.

Versuche zunächst nicht, ihre genaue Form festzulegen. Sie darf groß oder klein sein, nah oder weiter entfernt liegen, gerade oder geneigt erscheinen. Vielleicht ist sie hell, vielleicht dunkel, vielleicht besitzt sie eine Struktur oder bleibt vollkommen schlicht. Entscheidend ist zunächst nur, dass du sie als eine eigene Fläche innerhalb des Raumes wahrnehmen kannst.

Lass sie einfach dort sein.

Versuche nicht, sie ständig festzuhalten oder jede Veränderung sofort zu korrigieren. Beobachte stattdessen, ob sie ihre Position von selbst halten kann und wie sich ihre Anwesenheit im Raum für dich anfühlt. Wenn du möchtest, kannst du deine Perspektive leicht verändern oder die Fläche vorsichtig etwas näher oder weiter entfernt erscheinen lassen. Vielleicht entsteht auch der Eindruck, dass du ihre Oberfläche fühlen oder ihre räumliche Lage genauer wahrnehmen kannst.

Gehe dabei nicht auf die Suche nach bestimmten Eigenschaften. Es gibt in dieser ersten Übung nichts, was erscheinen muss.

Bleibe einige Minuten bei dieser einfachen Erfahrung: ein innerer Raum und darin eine Fläche.

Wenn sie instabil wird oder wieder verschwindet, lass sie erneut entstehen, ohne daraus eine Aufgabe oder einen Fehler zu machen. Mit der Zeit kann es leichter werden, ihre Form und Position für einige Momente stabil zu halten.

Mehr ist in dieser Übung nicht notwendig.

Overthinking und 2D

Beschreibung für Technik gegen Overthinking

Overthinking kontrollieren und den Zustand stabilisieren

Verbindung der bisherigen Übungen

Lass uns an dieser Stelle einen Moment innehalten und zusammenführen, was du bisher aufgebaut hast.

  • In Modul 1 – Kapitel 3 hast du gelernt, Gedanken kommen und wieder gehen zu lassen, ohne ihnen automatisch folgen zu müssen.
  • In Modul 1 – Kapitel 4 hast du erfahren, wie sich Overthinking unterbrechen lässt, indem du die fortlaufende Bewertung deiner Gedanken zurücknimmst.
  • Und in diesem Kapitel hast du nun erstmals eine stabile zweidimensionale Struktur innerhalb deiner eigenen Innenwelt entstehen lassen.

In der zweiten Übung verbinden wir diese drei Fähigkeiten miteinander.

Du lässt Gedanken weiterziehen, reduzierst ihre Bewertung und lässt gleichzeitig die Gedankenprojektionsfläche als stabile Struktur innerhalb deines ruhiger werdenden Innenraums bestehen. Dadurch soll nach und nach ein stabiler Innenweltzustand entstehen, den du später gezielt wieder aufbauen kannst.

Die Gedankenprojektionsfläche übernimmt darin zunächst keine besondere Aufgabe. Sie ist einfach vorhanden und kann wie ein ruhiger Orientierungspunkt innerhalb deiner Innenwelt wirken.

Das Ziel dieser Übung ist deshalb nicht, tiefer zu gehen oder neue Phänomene hervorzurufen. Du lernst zunächst nur, innere Ruhe, gedanklichen Abstand und die stabile Präsenz der Projektionsfläche gleichzeitig aufrechtzuerhalten. Dieser kombinierte Zustand bildet anschließend die Ausgangslage für die weiteren meditativen Übungen in Modul 2.

Lass uns nun diese drei Elemente erstmals miteinander verbinden.

Übung 2 - Stabilität

Beschreibung zur 2. Übung der Stabilisierung der Gedankenprojektionsfläche

Innenwelt mit Projektionsfläche stabilisieren

In dieser Übung verbinden wir die bisher erlernten Elemente miteinander und versuchen daraus einen ruhigen und stabilen Zustand innerhalb deiner Innenwelt entstehen zu lassen.

Beginne zunächst wieder mit den ersten Schritten der vorherigen Übung und lass dir dabei ausreichend Zeit. Lass Gedanken auftauchen und wieder weiterziehen, ohne sie festzuhalten, weiterzuführen oder unmittelbar zu bewerten. Es geht nicht darum, keine Gedanken mehr zu haben, sondern darum, ihnen nicht jedes Mal automatisch zu folgen.

Wenn deine Innenwelt langsam ruhiger wird, lass erneut eine feine Linie am Horizont erscheinen. Beobachte sie einen Moment und lass sie anschließend sanft immer weiter in die Tiefe gleiten, bis sie schließlich kaum noch wahrnehmbar ist oder vollständig verschwindet. Nimm nun den dadurch entstandenen inneren Raum wahr, ohne etwas Bestimmtes darin erzeugen zu müssen.

Lass anschließend wieder deine zweidimensionale Struktur innerhalb dieses Raumes entstehen. Sie darf so erscheinen, wie es für dich natürlich ist, und muss keiner vorgegebenen Form entsprechen. Richte nun deine Aufmerksamkeit für einige Zeit auf diese Fläche. Versuche nicht sofort, etwas mit ihr zu tun. Nimm sie zunächst einfach als eine Struktur wahr, die innerhalb deiner Innenwelt existiert.

Du kannst dich dabei vorsichtig fragen:

Wie wirkt diese Fläche auf mich? Ist sie eher fest oder weich? Besitzt sie erkennbare Strukturen oder Muster? Hat ihre Oberfläche eine bestimmte Qualität? Entsteht eine Vorstellung davon, woraus sie bestehen könnte?

Versuche diese Fragen nicht bewusst zu beantworten. Lass vielmehr zu, dass sich mögliche Eigenschaften von selbst zeigen. Wenn du das Gefühl hast, die Fläche ausreichend wahrgenommen zu haben, lass sie an ihrer Position bestehen und reduziere langsam die Aufmerksamkeit, die du für ihre Stabilisierung benötigst. Sie muss nicht permanent von dir festgehalten werden.

Dein Ich bleibt auf die Fläche orientiert, ohne sie ständig zu kontrollieren. Werde nun wieder ruhig. Gedanken dürfen weiterhin kommen und gehen. Greife sie nicht auf und kehre auch nicht ständig zur Fläche zurück, um zu prüfen, ob sie noch vorhanden ist.

Lass beides gleichzeitig bestehen: die ruhige Präsenz der Fläche und den offenen Strom deiner Innenwelt. Mit etwas Zeit kann daraus ein Zustand entstehen, in dem die Gedanken weniger Raum beanspruchen und die Fläche dennoch stabil innerhalb deiner Wahrnehmung erhalten bleibt. Bleibe einfach in diesem Zustand und beobachte, wie sich deine Innenwelt verändert, wenn du nichts weiter von ihr verlangst.

Vielleicht bleibt einfach nur tiefe Ruhe zurück. Vielleicht tauchen weiterhin Gedanken, Bilder oder andere innere Inhalte auf. Und manchmal kann sich innerhalb dieser Ruhe auch etwas entwickeln, das sich wie ein sehr leiser Informationsfluss oder ein fernes Lauschen anfühlt.

Suche nicht danach und versuche nicht, es hervorzurufen. Wenn etwas erscheint, lass auch das zunächst nur geschehen. Für diese Übung genügt es vollkommen, die Ruhe und die stabile Präsenz deiner Gedankenprojektionsfläche gleichzeitig halten zu können.

Was innerhalb dieser Stille später noch wahrnehmbar werden kann, werden wir in einem eigenen Kapitel genauer untersuchen.

 

Nachwort

Mit diesen Übungen hast du erkundet, wie du deine Gedanken wahrnehmen kannst, ohne dich mit jedem einzelnen identifizieren zu müssen. Dabei geht es nicht mehr nur darum, diesen Unterschied zu verstehen, sondern ihn selbst zu erfahren: in einem ruhigen inneren Zustand zu verweilen, während Gedanken weiterhin kommen und gehen dürfen. Die Gedankenprojektionsfläche kann dabei als stiller Orientierungspunkt in deiner Innenwelt bestehen bleiben.

Der Moment beim Erkennen dieser inneren Ausgeglichenheit und Balance kann eine sehr intensive Erfahrung sein.

Ich wünsche dir wunderschöne Momente innerer Ruhe, Freude beim Erkunden deiner Innenwelt und wertvolle Erkenntnisse über dich selbst.

Quellen und fachliche Einordnung

Die Gedankenprojektionsfläche und die in diesem Kapitel beschriebenen Übungen sind aus der persönlichen Innenbeobachtung und praktischen Erkundung im Projekt Selbstmodell.de entstanden. Die Fläche wird dabei als mentales Werkzeug verstanden: als eine innerhalb des Erlebens aufgebaute Struktur, nicht als anatomischer Ort im Gehirn.

Das Kapitel verbindet drei Elemente miteinander: Gedanken kommen und gehen lassen, ihre unmittelbare Bewertung zurücknehmen und eine innere Fläche als ruhigen Orientierungspunkt entstehen lassen. Für einzelne Bestandteile gibt es Bezüge zur Forschung über mentale Vorstellung, Aufmerksamkeit und den Umgang mit Gedanken sowie zu bestehenden meditativen Praktiken. Die folgenden sechs Quellen dienen dieser Einordnung; sie sind keine wissenschaftliche Überprüfung der konkreten Gedankenprojektionsfläche oder der hier entwickelten Übungsabfolge.

1. Das Selbstmodell als theoretischer Bezugsrahmen

Thomas Metzinger beschreibt in Being No One das erlebte Selbst nicht als eigenständiges inneres Ding, sondern als Ergebnis fortlaufender Modellierungsprozesse. Seine Selbstmodell-Theorie untersucht, wie eine bewusst erlebte Ich-Perspektive entstehen kann. Damit bietet sie einen theoretischen Bezug für die Unterscheidung zwischen dem eigenen Erleben und seiner zugrunde liegenden Verarbeitung. [1] MIT Press

Im vorliegenden Kapitel werden Begriffe wie Innenraum und Gedankenprojektionsfläche auf der Ebene dieses Erlebens verwendet. Sie beschreiben, wie sich eine mentale Struktur darstellen und nutzen lässt. Die konkrete Fläche ist jedoch ein Werkzeug des Projekts und kein Bestandteil von Metzingers Theorie.

2. Innere Bilder können wahrnehmungsähnliche Eigenschaften besitzen

Nadine Dijkstra, Sander Bosch und Marcel van Gerven untersuchten, wie die erlebte Lebhaftigkeit visueller Vorstellungen mit ihrer neuronalen Verarbeitung zusammenhängt. Ihre Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang zwischen lebhafterer Vorstellung und einer stärkeren Ähnlichkeit der Aktivitätsmuster beim Vorstellen und tatsächlichen Sehen. Vorstellung und Wahrnehmung können somit teilweise auf gemeinsame Verarbeitungsressourcen zurückgreifen, ohne identisch zu sein. [2] PubMed

Dieser Forschungsbereich ist für die Übung relevant, weil dabei eine Linie, räumliche Entfernung und schließlich eine Fläche vorgestellt werden. Er hilft einzuordnen, warum innere Darstellungen anschaulich und räumlich wirken können. Dass gerade die hier beschriebene Fläche zu einem wiederverwendbaren Werkzeug wird, bleibt dagegen eine gesonderte Frage.

3. Innere Vorstellungen unterscheiden sich zwischen Menschen

Die Untersuchung von Alexei Dawes und Kollegen zur Aphantasie zeigt, wie unterschiedlich Menschen ihre inneren Vorstellungen erleben. Manche können keine willentlichen visuellen Bilder erzeugen; zudem unterscheiden sich die Vorstellungsfähigkeiten verschiedener Sinnesbereiche. Eine einheitliche, für alle Menschen gleiche Form der Innenwahrnehmung lässt sich daraus nicht ableiten. [3] Macquarie University

Deshalb dienen die Abbildungen der Gedankenprojektionsfläche in diesem Kapitel als Orientierung und nicht als verbindliches Zielbild. Farbe, Form, Raster und räumliche Anordnung dürfen abweichen. Auch eine ausbleibende bildhafte Vorstellung sollte nicht vorschnell als mangelnde Anstrengung verstanden werden. Ob die angebotene Übung für jemanden zugänglich und hilfreich ist, muss individuell offenbleiben.

4. Aufmerksamkeit ausrichten und zugleich offen wahrnehmen

Antoine Lutz und Kollegen unterscheiden zwei häufig untersuchte meditative Aufmerksamkeitsweisen: Bei der fokussierten Aufmerksamkeit wird ein gewähltes Objekt zum Bezugspunkt; beim offenen Beobachten werden wechselnde Erlebnisinhalte wahrgenommen, ohne unmittelbar auf sie zu reagieren. Diese Unterscheidung bietet einen fachlichen Rahmen für unterschiedliche Umgangsweisen mit Aufmerksamkeit. [4] Vrije Universiteit Amsterdam

Die zweite Übung dieses Kapitels verbindet auf eigene Weise Elemente beider Beschreibungen. Die Fläche soll als Orientierungspunkt bestehen bleiben, während Gedanken weiterhin auftauchen und weiterziehen dürfen. Gemeint ist weder ein angestrengtes Fixieren der Fläche noch das Erzwingen vollständiger Gedankenlosigkeit. Diese Verbindung ist die hier vorgeschlagene Übungsform, nicht die unveränderte Übernahme eines bestimmten Meditationsverfahrens.

5. Gedanklichen Abstand gewinnen, statt Gedanken beseitigen zu müssen

Greg Feldman, Jeff Greeson und Joanna Senville untersuchten in einer randomisierten Studie kurze Übungen mit Meditationsanfängerinnen. Nach einer achtsamen Atemübung berichteten die Teilnehmerinnen mehr Decentering – einen distanzierteren Umgang mit dem eigenen Denken – als nach den beiden Vergleichsübungen. Außerdem war die Häufigkeit wiederkehrender Gedanken weniger eng mit negativen Reaktionen auf diese Gedanken verbunden. [5] PubMed

Für das Kapitel liegt der Bezug deshalb vor allem in einer veränderten Beziehung zu Gedanken, nicht in deren vollständigem Verschwinden. „Gedanken ziehen lassen“ bedeutet hier, nicht jeden Gedanken weiterzuführen oder sofort bewerten zu müssen. Die Studie begründet jedoch kein Versprechen, dass die Gedankenprojektionsfläche Overthinking zuverlässig beendet; sie untersuchte eine andere Übung.

6. Yoga Nidra als meditative Vergleichspraxis

In Yoga Nidra beschreibt Swami Satyananda Saraswati Übungen, die körperliche Entspannung, erhaltene Bewusstheit, innere Wahrnehmung und Visualisierung verbinden. Dazu gehört auch die Aufmerksamkeit auf einen inneren Raum, den er als Chidakasha bezeichnet. In einer Übungsanleitung wird eine vorgestellte transparente Fläche vor den geschlossenen Augen verwendet, durch die räumliche Weite wahrgenommen werden soll. [6] Pratham Yoga

Hier bestehen konkrete Berührungspunkte zur Hinführung dieses Kapitels: ruhig werden, wach bleiben, einen inneren Raum wahrnehmen und Vorstellungen ohne übermäßige Anstrengung entstehen lassen. Yoga Nidra dient dabei als Vergleich aus einer bestehenden Praxistradition, nicht als wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis. Die Gedankenprojektionsfläche und ihre hier beschriebene Verwendung werden nicht mit dieser Tradition gleichgesetzt.

Eigenentwicklung innerhalb des Projekts

Die konkrete Verbindung aus zurückweichender Horizontlinie, frei gestaltbarer Gedankenprojektionsfläche und ihrer Verwendung als ruhigem Bezugspunkt wurde innerhalb dieses Projekts ausgearbeitet. Dabei werden persönliche Erfahrungen in eine Übungsform übersetzt, die anderen Menschen zur Erkundung angeboten wird.

Der Ausdruck „stabiler Innenweltzustand“ bezeichnet in diesem Kapitel das angestrebte Zusammenspiel von innerer Ruhe, gedanklichem Abstand und der wahrgenommenen Präsenz der Fläche. Er ist eine projektinterne Beschreibung und kein festgelegter neurologischer Zustand.

Auch das am Ende angedeutete Lauschen bleibt zunächst eine Beschreibung aufmerksamer Innenbeobachtung. Es verlangt weder bestimmte Bilder noch Stimmen oder besondere Erkenntnisse. Spontan auftauchende Inhalte werden zunächst als innere Erfahrungen betrachtet; ihre Bedeutung und mögliche Richtigkeit sind davon getrennt zu prüfen.

Die Fachliteratur liefert somit Bezugspunkte für einzelne Bestandteile. Die konkrete Gestaltung der Fläche, ihre Kombination mit den Übungen und ihre mögliche Übertragbarkeit bleiben Gegenstand der praktischen Erkundung dieses Projekts.

Literaturverzeichnis

[1] Metzinger, T. (2003).
Being No One: The Self-Model Theory of Subjectivity. MIT Press.
Bezug: Theoretische Einordnung des Ich-Erlebens und des Selbstmodells.

[2] Dijkstra, N., Bosch, S. E., & van Gerven, M. A. J. (2017).
Vividness of Visual Imagery Depends on the Neural Overlap with Perception in Visual Areas. The Journal of Neuroscience, 37(5), 1367–1373.
Bezug: Wahrnehmungsähnliche Eigenschaften und unterschiedliche Lebhaftigkeit innerer Bilder.

[3] Dawes, A. J., Keogh, R., Andrillon, T., & Pearson, J. (2020).
A cognitive profile of multi-sensory imagery, memory and dreaming in aphantasia. Scientific Reports, 10, Artikel 10022.
DOI: 10.1038/s41598-020-65705-7
Bezug: Individuelle Unterschiede der bildhaften und multisensorischen Vorstellung.

[4] Lutz, A., Slagter, H. A., Dunne, J. D., & Davidson, R. J. (2008).
Attention regulation and monitoring in meditation. Trends in Cognitive Sciences, 12(4), 163–169.
DOI: 10.1016/j.tics.2008.01.005
Bezug: Fokussierte Aufmerksamkeit und offenes, nicht unmittelbar reagierendes Beobachten.

[5] Feldman, G., Greeson, J., & Senville, J. (2010).
Differential effects of mindful breathing, progressive muscle relaxation, and loving-kindness meditation on decentering and negative reactions to repetitive thoughts. Behaviour Research and Therapy, 48(10), 1002–1011.
DOI: 10.1016/j.brat.2010.06.006
Bezug: Gedanklicher Abstand und veränderte Reaktionen auf wiederkehrende Gedanken.

[6] Satyananda Saraswati, Swami (2016, erste digitale Ausgabe; Erstveröffentlichung 1976).
Yoga Nidra. Yoga Publications Trust, Munger, Indien.
Bezug: Meditative Vergleichspraxis mit innerer Wahrnehmung, Visualisierung und Chidakasha.


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