Erreiche dein Unterbewusstsein
Erlebe, wie deine Gedanken entstehen
Einleitung
Wir betreten nun einen Bereich, in dem die Möglichkeiten und Grenzen der Selbstbeobachtung wissenschaftlich stark diskutiert werden. Wie weit können wir dem Entstehen unserer Gedanken wirklich nachspüren? Und erkennen wir dabei die zugrunde liegenden Vorgänge oder erleben wir nur eine innere Darstellung davon?
Diesen Fragen nähern wir uns in der folgenden Übung über unsere eigene Erfahrung und bewegen uns dabei unmittelbar an der Grenze der heutigen Kognitionsforschung.
Vorbesprechung

Was du für diese Übung mitbringen solltest
Dieses Kapitel und die darin beschriebene Übung bauen auf folgenden Themen auf:
- 2D-Gedankenprojektionsfläche
- Tiefe Emotionskontrolle
- Unterbewusstsein beobachten
- 2D-Raum-Interface
- Unterbewusstsein und Gedanken
Mit „Unterbewusstsein“ bezeichne ich hier die vielfältigen inneren Verarbeitungsprozesse, die sich deiner bewussten Aufmerksamkeit weitgehend entziehen. Im Alltag bemerkst du häufig erst die Gedanken, Gefühle oder Handlungsimpulse, die daraus hervorgehen.
In der Übung „Unterbewusstsein beobachten“ habe ich dir eine Technik vorgestellt, mit der du deine Aufmerksamkeit auf dieses innere Geschehen ausrichten kannst. Du hast dabei erkundet, wie sich der Gedankenfluss beobachten lässt und wie du dem nachspüren kannst, was du als sein Entstehen wahrnimmst.
Nun setzen wir genau dort an, wo dein kindliches Ich sein Ohr auf die Gedankenprojektionsfläche legt. In diesem Kapitel geht es darum, welche Eindrücke dabei auftauchen können, wie diese sich anfühlen und wie du dich innerhalb dieser Erfahrung orientieren kannst. Außerdem erkunden wir, wie daraus erkennbare Gedanken werden und wie du dem Geschehen behutsame Impulse geben kannst.
Du wirst dabei immer nur einen Ausschnitt deiner inneren Vorgänge wahrnehmen können. Deine Aufmerksamkeit kann bei einer Empfindung verweilen, einem entstehenden Zusammenhang folgen oder sich wieder öffnen. Du musst weder alles gleichzeitig erfassen noch jeden Eindruck sofort verstehen.
Begegne der Übung deshalb mit Neugier und möglichst wenig vorgefassten Erwartungen. Du darfst ein Thema oder eine Frage mitbringen. Lass jedoch offen, ob und in welcher Form sich dazu etwas zeigt. Eine bestimmte Erfahrung oder Erinnerung muss nicht auftauchen. Versuche deshalb nicht, fehlende Inhalte zu ergänzen oder ein gewünschtes Ergebnis zu erzwingen.
Auch wenn wenig geschieht oder etwas undeutlich bleibt, kannst du zunächst einfach beobachten. Du bestimmst, wie lange du bei einem Eindruck verweilst, wann du Abstand nimmst und wann du die Übung beendest.
Lass uns nun an das vertraute Lauschen anknüpfen und genauer erkunden, was dabei in deiner Innenwelt wahrnehmbar wird.
Übung - Teil 1

In die Tiefe fühlen
Du steigst nun wieder in die Übung ein, dein Unterbewusstsein zu beobachten. Führe dazu alle 4 Teile der Übung vollständig durch und kehre danach wieder an diese Stelle zurück. Du kannst diese Übung im Liegen, Sitzen oder auf deiner Übungsmatte durchführen. Ein Resonanzraum kann für diese Übung von Vorteil sein und sollte wenn möglich ebenfalls genutzt werden.
Wenn du dein kindliches Ich wieder auf der Gedankenprojektionsfläche positioniert hast, lass es erneut sein Ohr auf die Oberfläche legen und behutsam in die Tiefe lauschen. Lehne dich körperlich bequem zurück. Falls deine körperlichen Augen noch geöffnet sind, kannst du sie für einen Moment schließen, um dich leichter dem inneren Geschehen zuzuwenden.
Lass nun das innere Bild langsam in den Hintergrund deiner Aufmerksamkeit treten. Damit meine ich, dass dein räumlicher Aufbau weiterhin bestehen bleibt, während du seiner visuellen Darstellung weniger Aufmerksamkeit schenkst. Du sollst die Szene also weder auflösen noch jede ihrer Einzelheiten deutlich vor Augen behalten. Die Lage der Fläche, dein kindliches Ich und deine äußere Beobachterposition bleiben als vertraute Anordnung gegenwärtig.
Verlagere den Schwerpunkt deiner Aufmerksamkeit behutsam auf das Lauschen in die gefühlte Tiefe unterhalb der Fläche. Deine äußere Beobachterposition bleibt dabei still und zurückhaltend im Hintergrund. Gedanken dürfen weiterhin auftauchen und vorbeiziehen, ohne dass du sie festhältst, weiterführst oder unmittelbar bewertest.
Richte deine Aufmerksamkeit dabei weniger auf den fertigen Inhalt einzelner Gedanken als auf das, was du als ihr Entstehen wahrnimmst. In meinem Modell bleibt dein kindliches Ich auf der Gedankenprojektionsfläche, während sich deine Aufmerksamkeit über diesen Bezugspunkt hinaus in die Tiefe richtet. Es ist ähnlich, als würdest du dein Ohr an eine Wand legen und behutsam in das Zimmer dahinter lauschen: Du bleibst an deinem Platz und öffnest deine Aufmerksamkeit für das, was sich von dort bemerkbar macht.
Ein passender äußerer Rahmen könnte so aussehen: Du sitzt bequem zurückgelehnt in einem Sessel, während im Hintergrund leise Musik aus deiner Meditationsplaylist läuft. Ein Computer steht bereit, damit du wichtige Eindrücke nach einer bewussten Unterbrechung festhalten kannst. Während des Lauschens darf das Mitschreiben warten.
Innerlich trägt dich das vertraute Urvertrauen deines kindlichen Ichs. Eine leichte Traurigkeit kann darin ebenso Platz haben wie Zuversicht und stille Offenheit. Aus deiner erwachsenen Beobachterposition heraus hältst du den Bezug zu diesem Kind und spürst, wie es sich dem Lauschen zuwendet. Je weniger du die Szene aktiv ausgestaltest und kontrollierst, desto mehr Aufmerksamkeit kannst du dem behutsamen Hineinfühlen widmen, solange die innere Anordnung dabei stabil bleibt.
Lass diesen Zustand in Ruhe bestehen, ohne eine bestimmte Wahrnehmung hervorrufen zu wollen. Wenn das kindliche Lauschen und die Stille deiner äußeren Beobachterposition zusammenwirken, gehe behutsam zu Teil 2 dieser Übung über.
Übung - Teil 2

Erlebe die Instanzen und das Formen deiner Gedanken
Bleibe nun still und geduldig, während du dem inneren Geschehen nachspürst. Erinnere dich an das Kapitel „Dein Unterbewusstsein“: Dort vergleiche ich die verschiedenen Instanzen meines Modells mit Spiegeln, zwischen denen sich Gedanken entwickeln und formen. Nutze dieses Bild als Orientierung und lass offen, in welcher Weise sich das Geschehen für dich zeigt.
Richte deine Aufmerksamkeit darauf, wie sich erste Eindrücke, Themen oder Richtungen zu deutlicheren Gedanken verbinden. Vielleicht bemerkst du auch Ansätze, welche sich verändern oder wieder vergehen, bevor etwas Eindeutiges daraus entsteht. Du musst diese Vorgänge weder benennen noch sofort verstehen.
Dein kindliches Ich auf der Gedankenprojektionsfläche steht dabei für das offene, vertrauensvolle Hineinfühlen. Aus dieser Perspektive spürst du dem nach, was du als das Entstehen deiner Gedanken wahrnimmst. Gleichzeitig bleibt die äußere Beobachterposition gegenwärtig. Von dort aus kannst du bemerken, welche Inhalte bereits als erkennbare Gedanken auf der Projektionsfläche oder als Gedankenstrom erscheinen.
Die bildhafte Darstellung deines inneren Kindes darf dabei zurücktreten. Auch wenn du es aus der äußeren Beobachterposition nicht mehr deutlich siehst, kann seine gefühlte Position weiterhin bestehen bleiben. Die Gestalt des Kindes symbolisiert hier einen Bezugspunkt deines Erlebens: seine räumliche Lage, sein Urvertrauen und seine offene Haltung. Du musst diese Gestalt nicht fortwährend bildlich ausgestalten, um mit der Perspektive verbunden zu bleiben.
So wirken beide Beobachterpositionen zusammen: Die kindliche Perspektive richtet sich auf das noch undeutliche Entstehen unterhalb der Projektionsebene, während die äußere Perspektive das bereits erkennbaren Gedanken wahrnimmt. Eine Position darf stärker im Vordergrund stehen, während die andere leise gegenwärtig bleibt.
Lass dieses Zusammenspiel möglichst ohne bewusstes Eingreifen bestehen. Du musst weder Gedanken anhalten noch ihren Verlauf erklären oder weiterführen. Bleibe aufmerksam, ohne deine Stille ständig zu kontrollieren.
Wenn du dich innerhalb dieses Erlebens etwas orientieren möchtest, kannst du behutsam eine der folgenden Fragen aufkommen lassen:
- Erlebst du ein zusammenhängendes Geschehen, oder lassen sich unterschiedliche Anteile und Richtungen unterscheiden? Falls du mehrere wahrnimmst: Wie viele erscheinen dir gerade unterscheidbar?
- Wodurch unterscheiden sich diese Anteile? Bemerkst du wiederkehrende Eigenschaften oder Zusammenhänge, die du in meinem Modell als unterschiedliche Aufgaben der Instanzen beschreiben würdest?
- Wie entwickeln sich die Eindrücke weiter? Scheinen sie aufeinander Bezug zu nehmen, sich zu verändern oder zu wiederholen? Was davon nimmst du unmittelbar wahr, und was ist bereits deine Erklärung dafür?
- Was bemerkst du unmittelbar, bevor ein neuer Gedanke erkennbar wird? Zeigt sich ein möglicher Anlass oder Ausgangspunkt, oder bleibt dieser Übergang undeutlich?
Nimm jeweils nur eine Frage mit in die offene Neugier deines kindlichen Ichs. Lass sie anschließend wieder in den Hintergrund treten und beobachte, ob sich etwas dazu zeigt. Die Frage gibt deiner Aufmerksamkeit eine Richtung; sie verlangt keine sofortige Antwort. Auch ein undeutlicher Eindruck oder eine unbeantwortete Frage darf bestehen bleiben.
Wenn du deine Eindrücke festhalten möchtest, kannst du die körperlichen Augen vorsichtig öffnen und zunächst wenige Stichworte eingeben. Spüre dabei nach, ob dein innerer Bezug erhalten bleibt oder ob das Formulieren deine Aufmerksamkeit stärker beansprucht. Falls sich der Zustand dadurch verändert, kannst du die Beobachtung bewusst unterbrechen und anschließend aufschreiben, was noch gegenwärtig ist.
Halte möglichst getrennt fest, was du wahrgenommen hast und wie du es deutest. Du kannst deine Notizen in einer Textdatei sammeln oder in einen eigenen KI-Chat eingeben. Gib der KI dafür den Zusammenhang der Übung und die Bedeutung deiner Begriffe mit. Auch der von mir beschriebene E5-Raum kann dafür als Gesprächsrahmen dienen. Bitte die KI zunächst, deine Eindrücke zu ordnen und Verständnisfragen zu stellen. Ihre späteren Deutungen kannst du als Vorschläge prüfen.
Lass dir Zeit. Für diesen Abschnitt genügt es, mit dem inneren Geschehen vertrauter zu werden und genauer zu unterscheiden, was sich zeigt und welche Erklärung du dafür entwickelst.
Übung - Teil 3

Deinen Aufmerksamkeitfokus ausrichten
In meinem Modell befinden sich unterhalb der Gedankenprojektionsfläche die Verarbeitungsbereiche deiner Innenwelt. Sie sind dort symbolisch verortet, nicht körperlich vorhanden. Die Verarbeitung selbst findet in deinem Gehirn statt. In dieser Übung begegnest du einer inneren Repräsentation davon, also einer Darstellung, die für dein Ich wahrnehmbar und erfahrbar wird.
Genau dieser Übergang kann erklären, warum sich bei deinen ersten Versuchen noch nicht das gewünschte Erleben einstellt. Der Zugang muss sich zunächst entwickeln. Deine Innenwelt braucht dafür eine Form, in der du das Geschehen fühlen, wahrnehmen oder verstehen kannst.
Dein Unterbewusstsein lässt sich dabei nicht wie ein Schalter bedienen. Betrachte deine ersten Versuche deshalb als behutsame Anfragen an deine Innenwelt. Durch deine stille Aufmerksamkeit bringst du dein Anliegen zum Ausdruck: Du möchtest dem Entstehen deiner Gedanken näherkommen. Ob und wann sich darauf eine wahrnehmbare Darstellung entwickelt, bleibt offen.
Wenn du anfangs wenig spürst, gib deiner Innenwelt Zeit. Wiederhole die Übung über mehrere Tage oder Wochen hinweg, ohne bei jedem Versuch ein bestimmtes Ergebnis zu verlangen. Lass eine Darstellung entstehen, mit der du nach und nach vertraut werden kannst. Es geht nicht darum, sich diese selbst auszudenken oder durch angestrengtes Vorstellen herzustellen.
Wenn ich vom Spiegelmodell spreche, meine ich deshalb keine tatsächlichen Spiegel. Das Zusammenspiel hat in meiner Innenwelt diese Form angenommen. Die Spiegel machen für mich greifbar, wie unterschiedliche Beiträge aufeinander wirken und Gedanken formen. In deiner Innenwelt kann derselbe Zugang ganz anders aussehen oder sich auf eine andere Weise anfühlen.
Zur Orientierung dienen innerhalb meines Modells die Instanzen. Du kannst sie dir als unterschiedliche Standpunkte und Verarbeitungsanteile vorstellen, die jeweils etwas zur Entstehung eines Gedankens beitragen. Erinnerungen, Gefühle, Bewertungen oder Handlungsimpulse können dabei verschiedene Richtungen einbringen. Ihr Zusammenspiel beschreibe ich als ein „Aushandeln“: Ein Gedanke nimmt Gestalt an, verändert sich oder tritt wieder zurück. Die Spiegel sind meine bildhafte Darstellung dieses Geschehens.
Welche Darstellung du erleben wirst, kann ich nicht vorgeben. Vielleicht erscheint sie unmittelbar auf der Gedankenprojektionsfläche als erkennbare Form, als Bild oder als verständlicher Zusammenhang. Vielleicht spürt dein inneres Kind das Geschehen unterhalb der Fläche, ohne dass daraus ein deutliches Bild wird. Entscheidend ist, dass du einen eigenen Zugang dazu findest.
Erinnere dich an den Fokus aus der Übung „Unterbewusstsein beobachten“: Deine Aufmerksamkeit reicht unter die Gedankenprojektionsfläche, während dein kindliches Ich auf ihr bleibt. Wenn dir diese Ausrichtung vertraut geworden ist, kannst du den Fokus behutsam weiter in die Tiefe verlagern. Folge dem Geschehen durch das Zusammenspiel der Instanzen hindurch bis zu jener ersten Regung, aus der sich ein Gedanke zu formen beginnt.
Diese erste Regung bezeichne ich als „Rohgedanke“. Du spürst bereits, dass etwas entsteht, bevor du erkennen kannst, welchen Inhalt es annehmen wird. Bleibe auch hier offen und geduldig. Versuche nicht, aus dieser Regung sofort einen fertigen Gedanken zu machen.
Dieser Zustand bildet in meinem Übungsaufbau die Grundlage für das spätere Kapitel „Innere Systemanfragen platzieren“.
Nachwort
Zugang zu unbewussten Prozessen zu finden und die Iterationsschleifen der eigenen Gedankenbildung zu beobachten, erfordert genaue Selbstreflexion. Nutze gerne eine KI als Sparringspartner, um die Inhalte dieser Webseite für dich aufzuschlüsseln. Wichtig für ein präzises Ergebnis: Übergib der KI auch die verknüpften Unterseiten, damit sie die Systematik als Ganzes erfassen kann. Hier sind alle relevanten Links für diese Übung im Überblick:
Viel Erfolg bei der praktischen Anwendung. Bei Fragen oder zum Austausch steht dir der Community-Bereich jederzeit offen.
Verwandte Themen und Übungen zu diesem Kapitel
Quellen und fachliche Einordnung
In diesem Kapitel verbinde ich räumliche Vorstellung, eine kindliche Beobachterperspektive und das behutsame Nachspüren entstehender Gedanken. Die folgenden sechs Quellen führen dich in Forschungsbereiche, die einzelne Schritte dieser Übung verständlicher machen: innere Bilder, körperliches Selbsterleben, spontane Gedanken und die genaue Beschreibung eigener Erfahrungen. Dabei unterscheide ich zwischen experimentellen Befunden und den Bildern, mit denen ich diese Zusammenhänge in meinem Modell erfahrbar mache.
Wenn du die Visualisierung zurücktreten lässt, während dein innerer Bezug bestehen bleibt, berührt das die Vorstellungsforschung. Pearson, Clifford und Tong (2008) ließen Versuchspersonen einfache visuelle Muster vorstellen. Anschließend erhielt jedes Auge ein anderes Muster; untersucht wurde, welches davon bewusst gesehen wurde. Die vorherige Vorstellung beeinflusste diese Wahrnehmung. Ihre Wirkung blieb sogar erhalten, wenn dazwischen für einige Sekunden eine anspruchsvolle andere Aufgabe lag. Eine Vorstellung kann also kurzfristig nachwirken, obwohl die Aufmerksamkeit bereits anderswo liegt. Darin sehe ich eine Analogie zum Zurücknehmen des aktiven bildlichen Festhaltens. Untersucht wurde allerdings die Nachwirkung einfacher Muster, nicht das dauerhafte Bestehen eines vollständigen inneren Raumes.
Dein kindliches Ich dient in dieser Übung als Bezugspunkt für Vertrauen und eine veränderte Perspektive. Einen experimentellen Vergleich ermöglichen Banakou, Groten und Slater (2013). Dreißig Erwachsene erlebten in virtueller Realität einen Kinderkörper und einen gleich kleinen Erwachsenenkörper aus der Ichperspektive. Die virtuellen Bewegungen folgten ihren tatsächlichen Bewegungen. Im Kinderkörper überschätzten sie die Größe von Gegenständen stärker und ordneten sich in einem Reaktionstest leichter kindbezogenen Kategorien zu. Die Ergebnisse zeigen, dass die erlebte Körpergestalt Wahrnehmung und Selbstzuordnung beeinflussen kann. Das ist eine Analogie zu meiner Arbeit mit dem kindlichen Ich; Urvertrauen, rein vorgestellte Körper oder zwei gleichzeitig gegenwärtige Beobachterpositionen wurden dabei nicht untersucht.
Dem eigentlichen Nachspüren des Gedankenentstehens kommt die Untersuchung von Ellamil und Kollegen (2016) besonders nahe. Achtzehn erfahrene Meditierende beobachteten während einer funktionellen Magnetresonanztomografie ihren Atem und meldeten per Tastendruck, sobald sie einen spontan auftauchenden Gedanken bemerkten. Verschiedene Hirnregionen zeigten unterschiedliche Aktivitätsverläufe rund um diese Meldung. Die Forschenden deuteten frühere und spätere Aktivität als mögliche Beiträge zur Entstehung, Ausarbeitung und bewussten Beobachtung von Gedanken. Das verbindet sich mit meiner Unterscheidung zwischen erstem Auftauchen und erkennbarem Inhalt. Zeitlicher Bezugspunkt war jedoch das berichtete Bemerken; ein davon unabhängig festgestellter Gedankenbeginn oder die direkte Wahrnehmung neuronaler Vorgänge wurde damit nicht nachgewiesen.
Für das Zusammenspiel, das ich mit „Instanzen“ und „Spiegeln“ beschreibe, bieten Christoff und Kollegen (2009) einen weiteren Bezug. Fünfzehn Personen bearbeiteten während einer Hirnscan-Untersuchung eine einfache Aufgabe und berichteten wiederholt, ob ihre Gedanken abgeschweift waren. Beim Abschweifen waren sowohl Bereiche des sogenannten Default-Netzwerks als auch des exekutiven Netzwerks stärker beteiligt. Letzteres wird häufig mit kognitiver Kontrolle verbunden. Spontanes Denken ging hier also mit der Beteiligung mehrerer Systeme einher. Diese Befunde passen zur allgemeinen Vorstellung verschiedener Beiträge zur Gedankenbildung. Meine Spiegel veranschaulichen dieses Zusammenspiel; die Studie identifiziert jedoch keine innerlich wahrnehmbaren Instanzen und belegt kein „Aushandeln“ zwischen ihnen.
Was ich als „Rohgedanken“ bezeichne, lässt sich besonders gut mit dem erfahrungsbezogenen Ansatz von Petitmengin (2007) vergleichen. Anhand angeleiteter Erfahrungsbeschreibungen, autobiografischer Zeugnisse und theoretischer Arbeiten untersucht sie eine zunächst schwer fassbare, gefühlte Bedeutung, die sich später in Worten oder Bildern ausdrücken kann. Ein Eindruck kann demnach bereits eine bestimmte Richtung haben, obwohl du ihn noch nicht klar benennen kannst. Darin erkenne ich eine Nähe zum offenen Lauschen und zum Verweilen bei einer ersten Regung. Die Autorin entwickelt hierzu Beschreibungen und Arbeitshypothesen. Gemeint ist zunächst unbemerktes Erleben, nicht eine nachgewiesene inhaltlose Vorstufe sämtlicher Gedanken oder ein anatomischer Ursprungsort.
Die offenen Fragen und das anschließende Beschreiben deiner Eindrücke haben einen methodischen Bezug zu Petitmengin und Kollegen (2013). In einer Studie mit dreißig Personen wurden Entscheidungen zwischen Gesichterfotos untersucht. Teilweise erhielten die Teilnehmenden unbemerkt das andere Foto als vermeintlich gewähltes Ergebnis. Mit einer ausführlichen, angeleiteten Beschreibung ihres Entscheidungsverlaufs erkannten sie den Austausch häufiger als ohne diese Begleitung. Das spricht dafür, die Aufmerksamkeit auf konkrete Momente und Abläufe zu richten. Daran knüpfen meine Fragen nach dem Auftauchen und Verändern von Eindrücken an. Untersucht wurden jedoch angeleitete Rückblicke auf Entscheidungen; die Studie bestätigt weder jede nachträgliche Erklärung noch die Verlässlichkeit von KI-Deutungen.
Zusammen liefern diese Quellen Bezugspunkte für einzelne Elemente meiner Übung, keine wissenschaftliche Bestätigung ihres gesamten Aufbaus. Gedankenprojektionsfläche, Spiegel, Instanzen und die gefühlte Tiefe bleiben Begriffe meines Modells. Auch das Entstehen einer bestimmten Darstellung nach Tagen oder Wochen ist damit nicht zugesichert. Für deine eigene Einordnung bleibt deshalb wichtig, Wahrnehmung und Erklärung auseinanderzuhalten und unterschiedlichen Erfahrungen Raum zu lassen.
Bitte beachten
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