Die Flamme - Trataka
Übung zur Einleitung und ersten Berührung mit der eigenen Innenwelt
Einleitung
Diese Übung dient deiner ersten bewussten Berührung mit der eigenen Innenwelt. Es geht zunächst darum, zu verstehen, was mit dem Begriff „Innenwelt“ überhaupt gemeint ist und wie du einen ersten Zugang zu ihr finden kannst. Die äußere Flamme bildet dabei eine einfache Brücke zwischen dem, was du mit deinen Augen wahrnimmst, und dem, was dein System anschließend in dir abbildet. Es existieren verschiedene Formen der Kerzenbetrachtung, darunter auch die traditionelle Trāṭaka-Übung.
Die hier vorgestellte Variante wurde jedoch erweitert, um dich unmittelbar mit deiner inneren Bildfähigkeit und deren unterschiedlichen Ausprägungen in Kontakt zu bringen. Dabei geht es nicht darum, sofort eine klare Flamme sehen zu müssen, sondern bewusst zu beobachten, was nach dem Schließen der Augen in deiner Innenwelt entsteht.
Vorbereitung

Vorbereitung zur Flamme Übung
Für die Flammenübung benötigst du eine Kerze sowie ein Feuerzeug oder Streichhölzer. Grundsätzlich genügt bereits ein Teelicht, eine klassische Kerze kann jedoch dabei helfen, den Moment bewusster wahrzunehmen und die Aufmerksamkeit deutlicher auf die Flamme zu richten. Wähle deshalb eine Kerze, deren Form und Erscheinung du als angenehm empfindest, und stelle sie in einen stabilen, nicht brennbaren Kerzenhalter.
Führe die Übung in einem ruhigen und deutlich abgedunkelten Raum durch. Eine vollständige Dunkelheit ist nicht erforderlich; du solltest dich weiterhin sicher im Raum orientieren können. Du kannst bequem an einem Tisch sitzen und die Kerze auf einer festen, hitzebeständigen Unterlage vor dir platzieren. Alternativ kannst du die Übung auf deiner Übungsmatte durchführen und eine entspannte Sitzhaltung einnehmen. Stelle die Kerze in diesem Fall auf einen sicheren, nicht brennbaren Untergrund und achte darauf, dass die Kerze nicht umfallen kann.
Führe die Übung nüchtern und in einem wachen, ruhigen Zustand durch. Setze dich zunächst hin und nimm dir fünf bis zehn Minuten Zeit, um anzukommen und dich zu entspannen. Entzünde die Kerze erst unmittelbar vor Beginn der eigentlichen Übung. Musik oder andere Klänge benötigst du dafür nicht; gerade bei der ersten Durchführung ist eine ruhige und möglichst störungsfreie Umgebung besser geeignet.
Die Flamme Übung

Durchführung der Flamme Übung
Lass die Kerze zunächst aus und setze dich in einer für dich angenehmen Haltung davor, entweder an einem Tisch oder auf deiner Übungsmatte. Schließe die Augen und nimm dir fünf bis zehn Minuten Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Entzünde die Kerze erst, wenn du dich gesammelt und bereit fühlst.
Richte deinen Blick nun für einige Minuten auf die Flamme. Beobachte sie aufmerksam, ohne deinen Blick zu erzwingen und ohne das natürliche Blinzeln zu unterdrücken. Nimm ihre Form, ihre Helligkeit und ihre Bewegung wahr. Achte auf die Bereiche, die stabil erscheinen, und ebenso auf die kleinen Veränderungen, durch die sich die Flamme fortwährend neu formt.
Wenn du das Gefühl hast, die Flamme ausreichend erfasst zu haben, schließe sanft die Augen. Beobachte zunächst, was von ihr in deiner Wahrnehmung zurückbleibt. Möglicherweise erscheint ein farbiges Nachbild, das seine Form verändert, wandert oder langsam verblasst. Versuche anschließend, den Eindruck der Flamme bewusst aufrechtzuerhalten oder sie nach ihrem Verschwinden erneut in deiner Vorstellung entstehen zu lassen.
Halte nicht nur ein starres Bild fest, sondern versuche, auch die Bewegung der Flamme weiterzuführen. Lass sie in deiner Innenwelt flackern und sich verändern, ähnlich wie sie zuvor vor deinen Augen gebrannt hat. Erzwinge dabei weder Klarheit noch Stabilität, sondern beobachte, was dein System tatsächlich darstellen kann.
Wenn die innere Flamme schwächer wird oder vollständig verschwindet, öffne die Augen erneut für etwa fünf bis zehn Sekunden. Betrachte die reale Flamme noch einmal und nimm einzelne Details auf. Schließe anschließend wieder die Augen und beobachte, ob sich die innere Darstellung dadurch auffrischen oder genauer rekonstruieren lässt. Diesen Wechsel kannst du mehrmals wiederholen.
Das Ziel der Übung besteht nicht darin, eine vollkommen realistische Flamme zu erzeugen. Entscheidend ist der Moment, in dem du bewusst wahrnimmst, wie ein äußerer Eindruck in deiner Innenwelt nachwirkt, sich verändert oder von dir aktiv weitergeführt wird. Damit hast du den grundlegenden Übergang von der äußeren Wahrnehmung zur inneren Darstellung bereits erfahren.
Für die erste Durchführung reichen insgesamt etwa 15 bis 20 Minuten aus. Spätere Übungen können vorsichtig verlängert werden, sollten jedoch niemals mit angestrengtem Blick durchgeführt werden. Beende die Übung, wenn deine Augen schmerzen, stark brennen, deine Sicht ungewöhnlich beeinträchtigt ist oder du dich unwohl fühlst. Lösche die Kerze anschließend vollständig und nimm dir noch einen kurzen Moment, um dich wieder bewusst im Raum zu orientieren.
Wenn es beim ersten Mal nicht gelingt, ein klares inneres Bild zu halten, ist das kein Scheitern. Auch ein schwaches, farbloses, kurz auftauchendes oder rein gedanklich vorhandenes Bild ist eine gültige Beobachtung. Beende die Übung ohne Druck und wiederhole sie zu einem späteren Zeitpunkt.
Erweiterte Flamme Übung

Weitere Möglichkeiten mit der Flamme zu Arbeiten
Wenn du erste Erfahrungen mit der inneren Darstellung der Flamme gesammelt hast, kannst du einige weiterführende Variationen ausprobieren. Sie gehören nicht mehr zur eigentlichen Grundübung, sondern helfen dir dabei, die Möglichkeiten und Grenzen deiner inneren Bildfähigkeit genauer kennenzulernen. Wähle dafür jeweils nur eine Veränderung aus und beobachte in Ruhe, was geschieht.
Die Flamme aus der Nähe betrachten
Nähere dich der inneren Flamme an oder vergrößere sie vor deinem inneren Blick. Richte deine Aufmerksamkeit besonders auf den Bereich, in dem die Flamme aus dem Docht hervorgeht. Beobachte, ob dort zusätzliche Einzelheiten entstehen oder ob die Darstellung bei zunehmender Nähe an Klarheit verliert.
Entfernung und Größe verändern
Versuche, die Kerze zusammen mit ihrer Flamme langsam von dir wegzubewegen. Lass sie in der Ferne kleiner werden und anschließend wieder auf dich zukommen. Beobachte dabei, ob Form, Bewegung und Detailtiefe erhalten bleiben oder sich verändern.
Die Position der Kerze verändern
Verschiebe die Kerze innerhalb deiner Innenwelt nach links oder rechts, nach oben oder unten sowie nach vorn oder hinten. Du kannst diese Richtungen später miteinander kombinieren und die Kerze beispielsweise diagonal durch den inneren Raum bewegen. Achte darauf, ob sie dabei stabil bleibt oder neu aufgebaut werden muss.
Die Perspektive wechseln
Lass die Kerze an ihrer Position stehen und verändere stattdessen deinen eigenen Blickpunkt. Betrachte sie von der Seite, von oben oder aus einer Position hinter ihr. Dadurch kannst du untersuchen, ob deine Innenwelt auch zuvor nicht betrachtete Perspektiven räumlich ergänzt.
Die Anzahl der Flammen erhöhen
Versuche, aus einer Flamme zwei voneinander getrennte Flammen entstehen zu lassen. Halte beide gleichzeitig aktiv und beobachte, ob sie unabhängig voneinander flackern können. Du kannst deine Aufmerksamkeit anschließend abwechselnd auf die eine und die andere Flamme richten und prüfen, was währenddessen mit der jeweils nicht fokussierten Darstellung geschieht.
Die Flamme körperlich wahrnehmen
Richte deine Aufmerksamkeit nicht nur auf das Bild, sondern auch auf mögliche körperliche Empfindungen. Entsteht in der Nähe der inneren Flamme ein Eindruck von Wärme, Kühle, Kribbeln oder überhaupt keine Empfindung? Es gibt dabei kein erwartetes Ergebnis; entscheidend ist allein, wahrzunehmen, ob und wie dein System die visuelle Darstellung mit einem Körpergefühl verbindet.
Die Flamme beeinflussen
Lass in deiner Vorstellung einen sanften Luftzug auf die Flamme treffen. Beobachte, ob sie sich neigt, stärker flackert, kleiner wird oder unverändert bleibt. Versuche nicht, eine bestimmte Reaktion zu erzwingen, sondern untersuche, wie deine innere Simulation auf diesen Einfluss reagiert.
Diese Erweiterungen sind kein Leistungstest und müssen nicht vollständig gelingen. Sie dienen ausschließlich dazu, die bereits vorhandenen Zugriffsmöglichkeiten auf deine Innenwelt genauer zu untersuchen. Beende die Vertiefung, sobald die Darstellung anstrengend wird, zerfällt oder du merkst, dass du sie nur noch mit starkem Druck aufrechterhalten kannst.
Probleme, Erklärung und Deutung

Tiefe Deutungen und bei Problemen mit der Übung
Es gibt kein Bestehen oder Scheitern
Die Flammenübung ist ein erster bewusster Einstieg in deine Innenwelt. Bei dieser Übung gibt es weder ein Bestehen noch ein Scheitern es gibt nur die Erfahrung, die während ihrer Durchführung entsteht. Ihr eigentliches Ergebnis ist daher nicht das möglichst klare Bild einer Flamme, sondern eine persönliche Erkenntnis darüber, wie deine eigene Innenwelt arbeitet.
Wenn du keine Kerze oder Flamme innerlich sehen kannst, bedeutet das nicht, dass bei dir etwas falsch läuft. Menschen unterscheiden sich erheblich darin, wie sie innere Inhalte darstellen. Manche erleben deutliche und bewegte Bilder, andere nur schwache Umrisse, kurze Licht oder Farbeindrücke. Wieder andere nehmen überhaupt kein inneres Bild wahr und erfassen die Kerze stattdessen räumlich, begrifflich, emotional oder als ein bloßes Wissen um ihre Anwesenheit.
Achte deshalb während und nach der Übung nicht ausschließlich darauf, ob du eine Flamme sehen konntest. Beobachte möglichst offen, was tatsächlich in dir geschehen ist:
Sind Farben, Konturen, Bewegungen oder nur kurze Fragmente erschienen?
War da ein inneres Wissen um die Kerze, obwohl kein Bild vorhanden war?
Konntest du eine räumliche oder gegenständliche Präsenz wahrnehmen als wäre die Kerze da, ohne dass du sie sehen konntest?
Entstand ein Gefühl von Nähe, Entfernung, Weite oder Tiefe?
Waren Wärme, Kühle, Spannung oder andere körperliche Empfindungen vorhanden?
Welche Emotionen begleiteten die Übung, Ruhe, Neugier, Ungeduld, Enttäuschung oder vollständige Neutralität?
Hast du etwas wahrgenommen, mit dem du vorher nicht gerechnet hattest?
Oder war überhaupt nichts bewusst wahrnehmbar?
Auch die letzte Möglichkeit ist ein gültiges Ergebnis. Das vollständige oder weitgehende Fehlen willentlich erzeugter visueller Vorstellungen wird als Aphantasie bezeichnet. Weitere Informationen dazu findest du in Modul 1. Aphantasie bedeutet nicht, dass keine Innenwelt vorhanden ist, sondern zunächst nur, dass innere Inhalte nicht oder kaum als visuelle Bilder erlebt werden.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Habe ich die Flamme richtig gesehen?“, sondern: „Was war tatsächlich in mir vorhanden?“ Wiederhole die Übung an mehreren Tagen, bevor du zur nächsten Übung weitergehst. Versuche dabei nicht, ein bestimmtes Ergebnis zu erzwingen, sondern vergleiche deine Beobachtungen und achte darauf, was stabil bleibt und was sich von Durchführung zu Durchführung verändert.
Nachwort und wissenschaftliche Einordnung
Die Flammenübung ist eine eigenständige, erweiterte Form der Kerzenbetrachtung. Sie greift Elemente auf, die unter anderem aus der traditionellen Trāṭaka-Praxis sowie aus allgemeinen Übungen zur visuellen Vorstellung bekannt sind, folgt jedoch keiner bestimmten Schule. Die hier verwendete Durchführung, ihre optionalen Erweiterungen und die offene Auswertung wurden für dieses Übungsprogramm zu einem eigenen Erfahrungsweg verbunden.
Trāṭaka wird bereits in klassischen Texten des Haṭha-Yoga als konzentriertes und möglichst ruhiges Betrachten eines kleinen Gegenstandes beschrieben. Die Kerzenflamme ist heute eines der bekanntesten dafür verwendeten Objekte. Die hier vorgestellte Übung unterscheidet sich davon jedoch in einem wesentlichen Punkt: Ihr Ziel ist weder eine religiöse Praxis noch das Erreichen eines vorgegebenen meditativen Zustandes. Sie soll einen ersten beobachtbaren Übergang zwischen äußerer Wahrnehmung, optischem Nachbild und aktiv erzeugter innerer Darstellung ermöglichen.
Ein Nachbild kann nach dem Schließen der Augen automatisch entstehen. Es gehört zur visuellen Wahrnehmungsverarbeitung und ist nicht mit einer willentlich erzeugten Vorstellung gleichzusetzen. Das Nachbild kann seine Farbe verändern, wandern, pulsieren oder allmählich verblassen. Erst die bewusste Stabilisierung, Ergänzung oder erneute Erzeugung der Flamme führt in den Bereich der aktiven visuellen Vorstellung. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen zugleich, dass die Stärke von Nachbildern und die Lebendigkeit visueller Vorstellungen individuell unterschiedlich ausgeprägt sein können.
Auch die Fähigkeit zur inneren Bilddarstellung unterscheidet sich erheblich zwischen Menschen. Sie reicht von kaum oder gar nicht vorhandenen willentlichen Bildern bis hin zu sehr lebendigen, beinahe wahrnehmungsähnlichen Vorstellungen. Das weitgehende oder vollständige Fehlen bewusster visueller Vorstellungen wird als Aphantasie bezeichnet. Dabei können räumliches Denken, Wissen über ein Objekt und andere Formen innerer Verarbeitung weiterhin vorhanden sein. Ein fehlendes Bild ist deshalb kein Scheitern der Übung, sondern eine Beobachtung darüber, in welcher Form das eigene System innere Inhalte zugänglich macht.
Zu Trāṭaka existieren erste Studien, die mögliche kurzfristige Veränderungen von Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und kognitiver Leistung untersuchen. Diese Ergebnisse stammen jedoch aus kleinen und methodisch begrenzten Untersuchungen. Sie können weder ohne Weiteres auf die hier vorgestellte Flammenübung übertragen werden noch belegen sie allgemeine gesundheitliche oder therapeutische Wirkungen.
Diese Übung dient daher ausschließlich der persönlichen Selbsterkundung. Sie ist weder ein diagnostisches Verfahren noch eine Behandlung für psychische, neurologische oder augenmedizinische Beschwerden. Ihr Wert liegt nicht in einem vorgegebenen Ergebnis, sondern in der möglichst genauen und ehrlichen Beobachtung dessen, was während des Übergangs von der äußeren Flamme zur eigenen Innenwelt tatsächlich geschieht.
Quellen und weiterführende Literatur
Svātmārāma: Haṭha Yoga Pradīpikā, insbesondere die Beschreibung von Trāṭaka im zweiten Kapitel. Englische Übersetzung und Sanskrittext: Internet Archive
Raghavendra, B. R. & Singh, P. (2016): Immediate effect of yogic visual concentration on cognitive performance. Eine kleine kontrollierte Untersuchung zur Trāṭaka-Praxis und kognitiven Leistung: PubMed Central
Pearson, J. (2019): The human imagination: the cognitive neuroscience of visual mental imagery. Überblick über Mechanismen und individuelle Unterschiede visueller Vorstellung: PubMed
Zeman, A., Dewar, M. & Della Sala, S. (2015): Lives without imagery – Congenital aphantasia. Grundlegende wissenschaftliche Einführung des Begriffs Aphantasie: PubMed
Keogh, R. & Pearson, J. (2018): The blind mind: No sensory visual imagery in aphantasia. Experimentelle Untersuchung visueller Vorstellung bei Aphantasie: PubMed
Kronemer, S. I. et al. (2024): Visual imagery vividness correlates with afterimage conscious perception. Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Nachbildern und der Lebendigkeit visueller Vorstellungen: PubMed Central
Bitte beachten
Die auf dieser Seite beschriebene Methode dient der persönlichen Reflexion und Selbstentwicklung. Sie ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung, medizinische Beratung oder professionelle Therapie.
Bitte beachte:
Eigenverantwortung: Du bist selbst dafür verantwortlich, deine Grenzen wahrzunehmen und bei Bedarf professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen (z. B. Psychotherapeut:in, Trauma-Therapeut:in oder Beratungsstelle).
Die Inhalte dieser Seite basieren auf Erfahrungen und erprobten Methoden, erheben jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder medizinische/psychologische Richtigkeit.

